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Die Freiheit zu sein

Warum es normal ist, dass man seine zeitliche Selbstbestimmung verliert und wie man sie sich in Teilen zurückerobert

Zeit ist ein kostbares Gut. Jeder, der zu wenig Zeit hat, ist sich dieser Tatsache bewusst. Doch wie kann man denn zu wenig Zeit haben?

Objektiv betrachtet ist Zeit für jeden gleich und eigentlich ausreichend vorhanden. Und doch gibt es Menschen, die aus dem ihnen gegebenen Zeitrahmen einen größeren Teil Freizeit extrahieren können als andere. Denn auch wenn dem Vielbeschäftigten schon während der Arbeit die Zeit ausgeht, um den einen oder anderen Termin noch einschieben oder ein Projekt fristgerecht beenden zu können, so spielt sich Zeitmangel meistens in der Freizeit ab.
An der freien Zeit wird oft gespart und manches Mal noch eine weitere Stunde zugunsten der Arbeitszeit abgezwackt. Allerdings geschieht dies selten freiwillig. Nur wenige Glückliche sind in der Lage, ihren zeitlichen Arbeitsablauf wirklich nach eigenem Gusto zu gestalten. Die meisten werden doch eher von äußeren Einflüssen getrieben und sind dabei nicht mehr in der Lage, selbst über die eigene Zeit, insbesondere die Freizeit, zu bestimmen.
Während in Stechuhr-geregelten Arbeitsverhältnissen eine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit herrscht, ist man bei selbstständiger Arbeit oder Beschäftigung in einer führenden Position mit der Verantwortung für das Zeitmanagement selbst belastet. Und schnell werden daraus die Unglücklichen, die sich selbst bzw. ihre Freizeit zu Gunsten von Erfolg und Verantwortlichkeiten opfern.
Das hinterlässt auf Dauer Spuren. Man fühlt sich in seiner Freiheit beschnitten, gehetzt, gejagt. Rastlos und unter stetiger Anspannung erledigt man eine Aufgabe nach der anderen, nimmt Termine wahr und verplant die eigene Zeit mit neuen Terminen. Die beste Voraussetzung, um dadurch (und durch weitere Stressoren) in einen Burnout zu geraten. In diesem Zusammenhang fällt sofort das Stichwort Work-Life-Balance ein. Nun geht es dabei um eine ausgeglichene Gewichtung von Arbeit und Privatleben, wobei jedoch ein wichtiger Faktor unterschlagen wird:
Wer bestimmt denn wirklich über die Zeiteinteilung in der Work-Life-Balance?
Ein ausgeglichenes Privatleben ist sicherlich ein sehr effektiver Ausgleich für eine sehr fordernde Arbeit. Aber auch im Privaten wird man schnell in der Selbstbestimmung beschnitten. Denn soziale Kontakte, ob in der Familie, im Freundes- oder Bekanntenkreis, bedingen  ein gewisses Maß an Kompromissbereitschaft und Toleranz hinsichtlich der eigenen Zeitplanung: Freitagabend mit Bekannten Essen gehen, Samstagmittag mit der Herrenrunde ins Stadion, Sonntagnachmittag zu den Schwiegereltern zum Kaffeetrinken. Und schon ist das Wochenende rum und man hatte nicht einen Tag, den man nur für sich selbst verplanen und nutzen konnte. Mit zunehmender Sozialisierung steigert sich das bis zum viel beschriebenen Freizeitstress. Man will ja allen gerecht werden.
Das heißt dann aber, dass es zur Work-Life-Balance noch eine weitere Balance zu finden gilt, die sowohl für Life als auch für Work ihre Gültigkeit besitzt: Um im Anglizismus zu bleiben, nennen wir sie einfach die Me-Others-Balance. Kurz, wer entscheidet über mich und meine Zeit. Ich oder Andere. Im Job wie auch im Privatleben.
Das Zauberwort zur Lösung dieser Me-Others-Problematik ist so einleuchtend wie kurz: „Nein“.
Es ist nicht leicht, auch einmal „Nein“ zu sagen. Ob es zu einem neuen Auftrag ist, der eigentlich nicht zu bewältigen ist, oder zu einer Einladung zum Abendessen. Aber dieses „Nein“ schafft Freiräume. Selbst erkämpfte Freiräume, die dann auch zur persönlichen Disposition stehen.
Man läuft dabei Gefahr, dass man von Anderen plötzlich als egoistisch und egozentrisch wahrgenommen wird. Die einzige Maßnahme, um das zu verhindern, ist die Kommunikation mit den Betroffenen. Mit zunehmender Nähe zu diesen wird das auch zusehends wichtiger. Der eigene Partner sollte schon genau verstehen, warum man sich anders verhält als sonst, warum man sich auch einmal Zeit nur für sich selbst herausnimmt. Und: Dass der Vorschlag, auch mal getrennt Urlaub zu machen, eigentlich kein Grund für Missstimmungen ist.
Die meisten Menschen dürfte allein die Vorstellung, dieses thematisieren zu müssen, schon von der Umsetzung abschrecken. Jedoch ist zu bedenken, dass die Folgen bei Unterlassung und beim Fortführen des gewohnten Gejagt-Werdens eine weitaus größere Zäsur nach sich ziehen kann. Denn die Folgen eines Burnouts sind für das berufliche wie auch private Umfeld sehr viel schwerwiegender, als mal die Tür zuzumachen und eine halbe Stunde ein gutes Buch zu lesen oder mal eine Woche alleine mit Meerblick die Seele baumeln zu lassen.
Klar wird auch der Chef nicht glücklich sein, wenn man einen Kundenauftrag ablehnt. Die Freunde, die zum Essen eingeladen haben, sind gewiss ebenso nicht begeistert über eine Absage, aber der Mensch ist nicht umsonst mit der Gabe der Kommunikation ausgestattet. Wenn man darüber redet und darlegt, dass eine Absage kein persönlicher Affront ist, es momentan aber schlicht zu viel ist, dann sollten Chefs wie auch Freunde dafür Verständnis aufbringen.
Ein „Nein“ sollte also immer eine Option sein. Nur so kann man sich bei allzu starker Vereinnahmung durch andere einen Teil seiner selbst zurückholen. Diesen meist mühsam zurückeroberten Freiraum sollte man dann aber auch konsequent für sich selbst behalten und nicht gleich wieder auf einem anderen Altar opfern. Über die mögliche Umsetzung möge jeder selbst befinden. Allgemeingültige Rezepte hierfür gibt es nicht. Jedoch gilt immer noch: Alles hat seine Grenzen. Wer sie (er-)kennt und rechtzeitig handelt, vermeidet den Frontalzusammenstoß.

Kolumne aus der Rubrik “Tiefgang” aus unserem neuen Magazin “sechs3workstyle“, ab Anfang November erhältlich und online.

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