Burnt out generation
Ich höre es immer häufiger. Viel zu häufig. Junge Leute, zwischen 25 und 35, ehrgeizig, gebildet, selbständig oder in einer leitenden Position, ursprünglich mit Ambition zu weitaus mehr, fühlen sich ausgebrannt, ausgebremst, desillusioniert, abgezockt und ziellos.
Was ist los mit dieser Generation? Burn Out? Oder einfach zu schwächlich für echtes Business?
Nein, ich denke, wer 70-Stundenwochen reißt und nächtens dauerhaft mit wenigen Stunden Schlaf auskommt, um tagsüber wieder wie ein Uhrwerk zu funktionieren, ist gewiss nicht schwächlich. Und 70 Stunden klingt nicht nur nach viel Arbeit, sondern, effizient verbracht, wird da auch ganz schön was weggeschafft. Und ab und an dabei auch was verdient.
Aber warum wird dann das Streben nach Erfolg so oft schnöde unterbrochen? Und was ist eigentlich “Erfolg”? Heute zumindest scheinbar nicht mehr das, was es noch für unsere Eltern war… damals war Erfolg ein wenig monetär (Haus, Autos, Urlaube) und mehrheitlich durch eine gewisse gesellschaftlich Anerkennung geprägt. Mit diesen Vorstellungen wurde man erzogen und auf den Weg gebracht, um “etwas Besseres” aus sich zu machen.
Heute ist das, was man damals noch mit 6.000 DM im Monat bewerkstelligen konnte, nicht für viel weniger als 10.000 € zu haben. Und dank dem stetigen Wandel in der Gesellschaft, mit einem zusehenden Wegfall des Mittelstand und gleichzeitigem Verfall mittelständiger Werte, ist es um die gesellschaftliche Anerkennung hart bestellt, wenn man sich nicht unter den “oberen 100.000″ einordnen darf.
Gut, 10.000 € lassen sich verdienen. Klar. Naja, bestimmt. Man müsste halt nur wissen wo… Nein, im Ernst.
Keine Riesenutopie, aber nix was man mit 25 als Angestellter bekommt. Und auch nicht jeder 35-jährige Selbständige kann so aus dem Vollen aus der eigenen Firma schöpfen. Das sieht man so natürlich nicht, denn gesehen werden die 35-Jährigen, die im Aston Martin vorbeicruisen. Die wohl irgendwas richtig, aber zumindest anders, gemacht haben… Aber was ist denn schon ein beschissener Aston? 3.000 € im Monat, Leasing und Versicherung, und gut isses. Wenn man mit 35 noch bei Muttern wohnt, dann geht auch ein Aston. Mutti, die zuhause noch die Wäsche für den Yuppi bügelt, sieht ja keiner…
Nein, ich denke, diese Generation ist mit nicht mehr zeitgemäßen Wertvorstellungen groß geworden und sieht sich heute in einer Situation, in der alle Leistung, die erbracht wird, nicht mehr so gewürdigt wird, wie sie sollte.
Und das meine ich im monetären Sinne, wie auch hinsichtlich der Anerkennung. Weder die Kunden (der Selbständigen) noch die Chefs (der Angestellten) sind scharf drauf, besser sprich mehr zu bezahlen. So bleibt vielen schon der Traum vom eigenen Haus verwehrt. Was für die Elterngeneration nicht so die große Hürde war… bevorteilt sind natürlich diejenigen, die vom Besitz der Eltern noch profitieren können (Stichwort: Erbengeneration)… wer auf eigene Kappe etwas aufbauen will, wird Kompromisse eingehen müssen, sich aus der normalen Konsumgesellschaft ausklinken müssen… oder gnadenlos daran scheitern.
Denn da wo die meisten sich aufhalten, weit oben, von der Schaffensleistung betrachtet, da wird die Luft dünn: von einer 40-Stundenwoche auf eine 60-Stundenwoche… das bringt einen noch vorwärts. Bis zu einem gewissen Punkt, der heute nicht mehr so viel wert erscheint. Von 60 auf 70 Stunden, da wirds dann schon haarig und 70+ Stunden pro Woche machen einen einfach auf Dauer kaputt und bringen einen dennoch kein Stück mehr weiter.
Und warum auch immer, es kommen immer jüngere in diese Schaffensliga. Und sind mit 25 schon gezeichnet. Und haben mit 30 den ersten Herzinfarkt. Und sind mit 35 fertig.
Aber nicht fertig mit ihrem Weg zu Ruhm, Ehre und Reichtum, sondern mit ihrer Illusion, die sich selbst gesetzten Ziele zu erreichen. Porsche mit 25, Villa mit 30, Ruhestand mit 40. Bullshit. Das schafft von Tausend eventuell ein Einziger. Das sind keine Ziele, das sind Illusionen.
Also, was will ich damit eigentlich sagen?
Erstens wird es Zeit, dass sich diese Generation emanzipiert und eigene Wertvorstellungen schafft und diese auch flexibel genug hält, um sie der sich schnell ändernden Gegebenheiten anzupassen. Heute mag der Porsche Cayenne oder der Aston noch ein Symbol eines gewissen Status sein. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus. (Bitte hier nicht an die vielbeschworene Spaßgesellschaft denken. Da haben sich schon einige ihre Wertvorstellungen in Richtung Party verschoben, ja. Aber ich meine den ernsthafteren Teil der jüngeren Gesellschaft.)
Zweitens sollte es sich bei den Kunden und Chefs rumsprechen, dass viel Leistung auch einen hohen Wert hat und dementsprechend auch die Bezahlung sein sollte. Mehr Geld für mehr Arbeit. So war es früher, so muss es auch heute sein. Wohlklingende Titel sind kein Ersatz für eine ausreichende finanzielle Lebensbasis. Wer heute keine 2.000 € netto hat, trotz immensem Aufwand, wird sich morgen schon Gedanken machen über das Abgleiten in die “Unterschicht”. Das motiviert nicht unbedingt zu mehr Leistung oder besseren Ergebnissen. Wenn man keine finanziellen Sorgen hat, kann man hingegen frohen Mutes drauf losschaffen.
Und drittens, und das finde ich sehr wichtig, sollte es auch mal wieder üblich werden, dass man gute Leistung wertschätzt. Wenn ein Kunde, wie vorgestern geschehen, bei mir anruft und sich herzlich für die tollen Sachen bedankt, die ich ihm gemacht habe, dann ist das nett, fair, motivierend, einfach okay. Und wenn ein Angestellter Gutes leistet, dann darf auch ein Chef einfach mal “Danke, gut gemacht” sagen. Denn wenn die eigene Leistung auch nicht mehr von der ganzen Gesellschaft anerkannt wird, dann ist die Anerkennung im nähesten Umfeld umso mehr wert.
Also, adieu, Statusdenken. Wer es sich leisten kann und es will, soll Cayenne fahren. Es allgemeinhin als erstrebenswert zu propagieren? Nein. Eine Prunkvilla? Wer kann, der soll. Aber ein eigenes Dach über dem Kopf ist an sich schon was wert. Wie viel es jedem Einzelnen wert ist, soll er/sie für sich selbst entscheiden. In Urlaub zu fahren oder auch nur das Leben im Ansatz zu genießen, das sollte jedem, der dauerhaft funktionieren will, schon aus Selbstzweck einiges wert sein. 60 Stunden pro Woche sollten wenigstens 30 Tage Ruhe pro Jahr nach sich ziehen. Alles andere wird zum Raubbau am Wertvollstem, an sich selbst…
Fazit: Ich hab keins. Es stimmt einiges nicht mehr. Nicht jeder merkts, aber dennoch viel zu viele spüren und erfahren es. Irgendwas sollte sich ändern. Wie? Keine Ahnung. Nur bald sollte es sein.
Ich weiß zwar nicht genau, warum ich das jetzt so hier festgehalten habe, und es ist auch wahrlich nicht nur mein alleiniges Gedankengut, sondern vielmehr eine Essenz aus dem, was mir von Verschiedenen zugetragen wurde. Es ist einfach das Bekenntnis zur Leistung und dem Leid, das mit ihr einhergeht. Das, was unter Leidensgenossen hinter vorgehaltener Hand weitergegeben wird. Nur, wenn es keiner weiß, dann wird auch nichts besser werden… Anregungen und Kritik sind willkommen.








Christian
Am 13. Juli 2009 um 18:41 Uhr
Irgendwie haben ein paar Spammer wieder mal erfolgreich einen Artikel zerschossen gehabt… diesen hier. Aber jetzt wieder in voller Länge… Google Cache sei Dank.