content top
bookmark bookmark bookmark bookmark bookmark bookmark bookmark bookmark bookmark bookmark bookmark bookmark

Killerspielverbot

Oft wagen sich Politiker mit Verbotsforderungen auf dünnes Eis. Häufig sehen sie sich einem strammen Gegenwind der betroffenen, bevormundeten Öffentlichkeit ausgesetzt. Doch wenn sich der erste Sturm ein wenig gelegt hat, dann werden still und heimlich Fakten geschaffen. So auch diesmal, Betreff: Killerspiele.

Die Innenministerkonferenz der Länder hat sich diese Woche auf ein baldiges Verbot von Killerspielen verständigt. Nach all den Amokläufen an Schulen soll diesen dadurch die grundlegende Motivation genommen werden. Deshalb sollen alle Computerspiele verboten werden, in denen realitätsnahes Töten Grundbestandteil des Spiels ist. Wieviele Spiele das betreffen wird, ist z.Zt. noch kaum abzusehen. Aber es werden viele Spiele dabei sein, die von Hunderttausenden leidenschaftlich gespielt wurden oder werden.

Diese abertausende Pixelkiller sind dann dem Ungemach ausgesetzt, dass ihr Tun plötzlich illegal ist und wieviele Spieleentwickler sich ihrer Lebensgrundlage beraubt sehen dürfen, ist auch noch nicht klar. Immerhin dürften die wenigsten 3D-Shooter-Entwickler auch Weicheispiele wie “Die Sims” im Angebot haben, denn in diesem Segment ist eine Genre-Ausrichtung ganz normal. Zu speziell sind die Anforderungen an die Entwicklung realitätsnaher 3D-Shooter-Welten.

Betrachtet man, die Kernaussage der Verbotsforderung, dass durch fehlende virtuelle Übung die Zahl der realen Gewaltverbrechen zurückgehen solle, dann dürfte doch dem ein oder anderen intelligenten Menschen erste Zweifel an der Sinnhaftigkeit aufkommen.

Spiele sind seit Jahrtausenden Bestandteil einer jeden höheren Kultur. Sie sind Mittel zum Zweck der Kontrolle über das gemeine Volk und wurden schon vor zweitausend Jahren von den herrschenden Klassen instrumentalisiert. Schon den Römern war klar, dass “Brot und Spiele” das Volk bei Laune halten könnten. Damals wurde den Spielen eher zugeschaut, statt selbst Teil derselben zu sein. Anders bei den Griechen, die die Olympischen Spiele eigentlich auch nur erfunden haben, um ihre, nach den peloponnesischen Kriegen arbeitslosen, Militärs zu beschäftigen. Wäre auch dumm gewesen, trainierte Tötungsmaschinen ihrer Langeweile zu überlassen… was da alles passieren könnte.

Diese zwei Arten von Spielen existieren schon lange, Spiele, denen man beiwohnt und beobachtet, und solche Spiele bei denen man selbst aktiv wird. Und je schlechter es einer Gesellschaft geht umso mehr vermischt sich beides. So ist das Phänomen Hooligan wohl zu erklären, das zu seiner Hochzeit in den 1980er Jahren kam, als es in Großbritannien durch Arbeitslosigkeit weiten Gesellschaftschichten schlecht ging. Große Teile der männlichen Bevölkerung waren durch Arbeitslosigkeit gelangweilt, verbittert, verzweifelt und gefrustet. So ist auch schnell klar, dass ihnen nach dem passiven Genuß der Fußballspiele nach einem aktiven Ausgleich ihres seelischen Missstands war. So wurde erst das Ballspiel Mannschft gegen Mannschaft beobachtet, um im Anschluss Mann gegen Mann angestaute Wut und Rivalität herauszulassen. Diese Art von Ventil war damals wohl das einzige, das ihnen zur Verfügung stand. Und das ist es in einigen Ländern auch heute noch… Italien, Polen, Russland… alles Länder in denen die Gesellschaft, das gemeine Volk, nicht durch besonderen Wohlstand oder tolle Zukunftsperspektiven gekennzeichnet ist.

Kurz und gut, gehen wir doch einfach mal davon aus, dass heutige Computerspiele den Zweck verfolgen, um a) der öden, hässlichen Realität zu entfliehen und b) um ein Ventil für aufgestaute, schädliche Gefühle zu sein. Ist es dann wirklich sinnvoll, Computerspiele zu verbieten, die diese zwei Faktoren den Spielern zur Verfügung stellen?

Amokläufe gab es auch lange schon vor den Computern. Aggressionspotential und Gewaltbereitschaft lassen sich bestimmt nicht am Besitz eines Computers festmachen. Die Gesellschaft wird indes immer leistungsorientierter, das Zusammenleben immer asozialer, die Werte immer materieller… die ersten Opfer dieser Entwicklungen sind die Kinder, die den Prinzipien moderner Gesellschaftsformen unterworfen werden: Stress und Leistungsdruck in der Schule/Ausbildung, ständiger Wettbewerb mit Anderen, meist um materielle Werte und diesen gleichgesetzter sozialer Anerkennung. Dass diese Generation ihrer Realität entfliehen will, kann ich wirklich verstehen. Und dass die Kids lieber Pixel killen, als sich auf den Schulhöfen zu prügeln, ist ihnen hoch anzurechnen. Meine These geht sogar um einiges weiter, wenn ich unterstelle, dass mit jedem Ventil, dass den Betroffenen genommen wird, die Wahrscheinlichkeit, dass sich Wut, Aggression und Gewalt in ihrem realen Leben ausbreiten, noch viel dramatischer steigen wird.

Unter Millionen Computerspielern sind pro Jahr 10 Individuen dabei, die ihre Gewalt von der virtuellen in die reale Welt übernehmen. Die Schlußfolgerung bzw. der Umkehrschluss, dass alle Spieler gefährlich werden könnten, weil es 10 bewiesen haben, ist hirnrissig. Wer wirklich denkt, dass mit einem Verbot von Killerspielen irgendwas auch nur ansatzweise besser wird, sollte sich mal ernsthaft Gedanken machen, ob hier nicht nur das kleinste Übel bekämpft wird, weil man die Courage nicht hat an die Wurzel allen Übels vorzustoßen. Denn die Gesellschaft ist so wie sie sich geschaffen hat und stetig verändert. Wenn einzelne junge Menschen keinen Ausweg mehr sehen und sich mit einem Amoklauf an der Gesellschaft rächen wollen, dann wohl eher, weil die Gesellschaft versagt hat. Und das tut sie meines Erachtens… auf breiter Front.

Und vom Versagen viel zu kurzsichtiger und feiger Politiker will ich gar nicht erst reden. Wenn diese Damen und Herren nur einmal anfangen würden, ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft über ihre Amtsperiode hinaus gerecht zu werden, dann wäre da ein guter Anfang getan. Denn einfach irgendwas zu verbieten, ist selten einfach im Gegensatz zur Veränderung einer ganzen Gesellschaft. Und wer sich nicht traut sich Letzterem zu stellen, der soll gefälligst nicht Politiker werden.

1 Kommentar »

  1. avatar comment-top

    Tja, viel Wahres geschrieben, nur wird’s halt keinen interessesieren, der etwas zu entscheiden hat. Erst recht nicht, wenn’s auf die nächste Wahl zugeht. Und wenn, wie vermutet, die Amokrate tatsächlich [i]ansteigen[/i] sollte, will ich lieber gar nicht wissen, was “denen da” als nächstes einfällt. :(

    comment-bottom

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack-URL

Einen Kommentar hinterlassen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar schreiben zu können.