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Bienvenue en Breizh

Nach fast 14 Stunden durch die Einöde der Departments Zentralfrankreichs und nach der umtriebigen Geschäftigkeit auf den Autobahnen rund um Paris sind wir auf der Halbinsel um Crozon im Nordwesten der Bretagne (auf Bretonisch: Breizh) angekommen.

Vielleicht sollte man der Vollständigkeit halber noch erwähnen, dass die französischen Autobahnen Pita sind: von mittlerer Fahrbahnbelagsqualität, meisthin sehr schmal, wenn auch recht leer. Das mag daran liegen, dass es die Maut in sich hat. Gut 50 Euro kostet die Fahrt einmal quer durchs Land. Von der Maut scheinen die vielen und guten Rastplätze finanziert zu sein, die Abfahrten jedoch nicht. Diese sind im Verhältnis 1 zu 3 im Vergleich zu den Rastplätzen angelegt und so kann es auch mal passieren, dass 60 Kilometer zwischen zwei Abfahrten gefahren werden wollen. Wehe, man nimmt mal die falsche… Aber im Vergleich zu den deutschen Autobahnen kann man bei Langstreckenfahrt dem Tempolimit von 130 km/h fast nur Gutes abgewinnen. Selten wird man auf 11o km/h eingebremst, ansonsten kann mit dem Tempomat auf 130 einfach stundenlang Kilometer nach Kilometer gefressen werden. Auch wenn die Eintönigkeit der zentralfranzösischen Weiten schon extrem ist: Felder und Wälder so weit das Auge reicht, unterbrochen nur von etlichen Kühen und einzelnen Gehöften.

Aber von der Fahrt abgesehen, das Ziel ist den Weg wirklich wert.

Die Crozon Halbinsel im äußersten Nordwesten Frankreichs kann landschaftlich voll und ganz überzeugen. Karge Hänge mit flachem Strauchwuchs und farbigsten Blüten, windgeprägte Bäume, aber durch das milde Klima auch reichlich Kakteen, Palmen und allerlei exotische Pflanzen. Dazu herrliche Steilküsten, unterbrochen von ebenso herrlichen Sandstränden. Das Wetter ist sehr mild, Anfang bis Mitte September wurden wir durchwegs mit Temperaturen zwischen 22 und 26 Grad bedacht. Dazu immer eitel Sonnenschein und nur einige strahlend weiße Cummulus-Wolken. Häufig ist es in den Morgenstunden noch ein wenig diesig, bewölkt, jedoch mit dem Erstarken der Sonne wich dies schnell dem perfekten Urlaubswetter.

Die Gegend um Crozon ist zum einen schon irgendwie touristisch geprägt, ist neben der Fischerei und bretonischer Handwerkskünste dort auch nicht sehr viel sonst an Verdienstmöglichkeit vorhanden. Die größte Stadt der Region, Brest, erreicht man nur durch ein 70 km weites Umfahren der Bucht von Brest und soll auch nicht sonderlich attraktiv sein, weshalb wir uns dies gespart haben und nur den Panoramablick nach Brest genossen haben.

Der größte Arbeitgeber vor Ort ist wahrscheinlich das französische Militär, das in der Bucht von Brest ein Atom-U-Boot-Hafen betreibt und demnach sehr reichlich gegenwärtig ist. Ständig kreuzen Fregatten durch die Bucht, ab und an taucht auch mal ein U-Boot auf. Währenddessen sind dann an den Küstenlinien Hunderte von Soldaten im Einsatz, um von Landseite das aufgetauchte U-Boot abzusichern. Man mag sich daran stören, ebenso wie an der offensichtlichen Präsenz der Gendarmerie, andererseits macht man somit an einem der sichersten Flecken Frankreichs Urlaub.

Militärhistorisch ist die ganze Gegend belastet. Brest war schon seit jeher ein wichtiger Hafen für Frankreich und die Bemühungen, um diesen vor Spaniern und Briten zu schützen, kann man heute noch überall an den alten Befestigungsanlagen sehen. Nichts desto trotz sind augenfälliger die unzähligen Betonbunker deutscher Bauart aus dem zweiten Weltkrieg. Brest war damals einer der wichtigsten Stützpunkte der deutschen U-Boot-Flotte. So sind über den ganzen Küstenstreifen die kleinen und großen Bunkeranlagen zu sehen. Fast alle sind noch intakt und dienen als Zeitzeugnisse einer der übelsten Zeiten, die die Bretagne erleben musste. Einige Anlagen sind wider dem Vergessen als Museum oder Gedenkstätte genutzt und erzählen die Geschichte in knappen Worten oder in reichhaltigen Exponaten. Etwas ganz Besonderes ist es, wenn der Museumsbetreiber dann auch noch selbst Zeitzeuge war und mit knapp 80 Jahren all seine Energie investiert, um das Schicksal vieler seiner Altersgenossen nicht vergessen werden zu lassen.

Aber jenseits der bedrückenden Erinnerungen der Vergangenheit, hat die Bretagne in der Gegenwart viel zu bieten. Das Bretonische Kulturerbe, eine Mischung aus Französischem und Keltischem, ist allgegenwärtig. Keltische Architektur wohin das Auge blickt, ganze Städte, die gerade dem 17. oder 18. Jahrhundert entsprungen zu sein scheinen. Bretonisch, früher als zweite inoffizielle Landessprache verpönt, ist heute wieder auf jedem Straßenschild zugegen und wird hingebungsvoll gepflegt. Zum Glück kann Paris nicht alles zentralisieren und regionale Eigenheiten aushebeln. Übrigens ist die Bretagne bis heute Maut-frei. Da scheinen die Bretonen wie mit ihrer Kultur erfolgreich Bockigkeit geübt zu haben.

Neben den allgegenwärtigen kleinen Straßencafés, die von Touristen, aber in der Vielzahl auch von den Bretonen, besucht sind, kann die kulinarische Seite der Bretagne mehr als überzeugen. Vorausgesetzt natürlich, man mag Fisch. Überall gibt es Fisch und Muscheln, in der Regel sind sie fangfrisch und somit ist kein halber Tag vergangen auf dem Weg aus dem Atlantik auf den Teller. Die Bretonen verstehen es zudem, den Fisch auf verschiedenste Arten delikat zuzubereiten. Ich glaube, ich hab im Leben nicht so viel Fisch gegessen, wie dort. Und welche Gaumenfreuden einem zuteil werden können, strotzt jeder Beschreibung.

Zum Highlight wird das Fischerlebnis, wenn man den Fisch nicht nur auch mal selbst zubereitet, sondern wie wir, auch selbst fängt. Ergebnis nach knapp 5 Stunden Bootsfahrt und Angel auswerfen: 10 Fische. Makrelen, Kabeljau und einige andere, die sich mir nicht namentlich vorstellen konnten. Gerade auch durch die Fahrt, die morgens um kurz nach sechs Uhr begann, mit beeindruckenden Sonnenaufgängen, war ein unvergessliches Erlebnis. Und ja, der erste Fisch tat mir schon ein wenig leid, aber nach einigen anderen ging es dann…

Aber nicht nur auf, sondern auch am Rande des Atlantiks ist die Bretagne beeindruckend. Die Steilküsten rundum sind einfach nur mächtig und die Strände, die deren Linien unterbrechen, sind traumhaft. Die Hunde haben es geliebt, am Strand durch die sanften Wellen die Möwen zu jagen. Auch wenn offiziell Hunde an den meisten Stränden verboten sind, scheint es dort keinen zu jucken. Was offensichtlich auch für das weitgehende Rauchverbot in Kneipen und Restaurants gilt. Aber der Franzose hat nun mal eine gewisse lockere Einstellung zu allem, insbesondere zu Gesetzen und Verboten. Laissez-faire steht ganz oben auf der Liste eines jeden. Demnach ist es auch nicht verwunderlich, dass die Tiere der Bretonen dieses Lebensgefühl ebenfalls annehmen. Ein Bretone geht mit seinem Hund nicht Gassi, der Hund geht alleine und kommt dann halt wieder nach Hause. Pas de problème. Da wird dann auch mal auf der Hauptstraße kurzfristig der Verkehr lahmgelegt, wenn ein Hund recht unschlüssig die Straße überqueren will. Aber alles ganz cool, ohne Gehupe und Gefluche. Nicht wie hier. Und die Katzen sind von Haus aus sowieso nicht besser, aber wenn abends aus Stromspargründen ein Großteil der Straßenbeleuchtung erlischt, sind die Katzen die Herren im Ort. Vorsicht ist dann geboten, denn wenn mal fünf Katzen sich gemeinsam auf der Fahrbahn tummeln, sollte man tunlichst bremsen. Denn freiwillig geben diese die Fahrbahn nur sehr langsam wieder frei. Außerhalb der Ortschaften haben hingegen die Füchse das Zepter in der Pfote. Unmengen von ihnen streunen über die Hänge und Wiesen und selbst die einheimischen Hunde stören sich nicht daran, wenn sich einer in den eigenen Garten verirrt. Dies gilt jedoch nicht für unsere Hunde, die den Garten energisch gegen alle hundähnlichen Eindringlinge verteidigt haben. Dass sich dabei Verfolgungsjagden auch mal über mehrere angrenzende Grundstücke hinziehen können, juckt dabei weder Hund noch Nachbarschaft. Die Bretonen scheinen ohnehin sehr lässig mit den Vierbeinern umzugehen: nicht davor Zurückschrecken sondern Hingehen und Streicheln ist deren Prämisse und damit liegen sie genau auf der Hunde Wellenlänge. Auch wurden wir noch nie in so kurzer Zeit so oft wegen unserer “schönen” oder “süßen” Hunde angesprochen. Bretonen haben offensichtlich ein Herz für Tiere.

Im Übrigen haben mich die Bretonen positiv überrascht. Aus meinen frühen Urlauben in Südfrankreich habe ich die Liebe für Frankreich und eine gewisse Abneigung gegenüber den Franzosen mitgenommen. Aber es scheint nicht jeder Franzose, und nicht überall, gleich abweisend und vorurteilsbehaftet zu sein. Zumindest die Bretonen zeigten sich in der Mehrheit durchaus nett und freundlich und versuchten sogar häufiger Dialoge auf Englisch fortzusetzen, wenn es auf Französisch partout nicht klappen wollte.

Allgemein kann ich jedem guten Gewissens einen Urlaub in der Bretagne empfehlen, insbesondere auf der Crozon-Halbinsel, bevorzugt in Roscanvel, Camaret oder Morgat.

Wer mit Kamera anreist und Photos machen möchte, dem sei viel Zeit empfohlen, Geduld und häufig ein Auge für die kleinen Sachen. Auch wenn ich nun zwei Wochen dort war und 1300 Bilder gemacht habe (dabei habe ich mich zurückgehalten und bedacht fotografiert, was sich bei einer Ausbeute von ca. 20% guter Photos zeigt), so hätte es für ein Optimum an Motivausnutzung und bei der Unmenge an nicht gefundenen Motiven sicher nocht für zwei weitere Monate gereicht. BTW, kann es eigentlich einen besseren Job geben, als Reisebildbände zu fotografieren?

Meine Ergebnisse, thematisch oder geografisch in Sets zusammengefasst, gibt es bei Flickr.

Auch wenn es sehr schön und sehr erholsam war (bereits am dritten Tag war mein Blutdruck wieder bei 125 zu 85, da wo er sein sollte), so überwiegt doch bereits jetzt wieder das Fernweh. Am liebsten würde ich morgen wieder zurückfahren. Wäre ich alleine hingefahren, wäre ich mir nicht so sicher gewesen, ob es eine Rückreise gegeben hätte…

“Das Schlechte am Urlaub ist die Erkenntnis, wie elend es zuhause eigentlich ist.”

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