Kaum versuchen zwei geistig umnachtete Hinterhof- bzw. Wohnheim-Terroristen deutsche Züge in die Luft zu jagen, werden sie mittels Videomaterials aus einer Bahnhof-Überwachungskamera identifiziert und festgenommen. Eine tolle Leistung der modernen Technik, die einen ganz bitteren Nachgeschmack hat.
Manches Mal kommt es mir vor wie im Film (z.B. V wie Vendetta) oder im Roman (George Orwell’s 1984).
Kaum gibt es Bedrohungspotential, das medienwirksam zur Verängstigung der Massen eingesetzt werden kann, sprießen die Macht- und Kontrollbesessenen wie die Pilze aus dem Boden und fordern eine umfassende Überwachung der Republik. Dieses Mal nimmt man den Fahndungserfolg der Kölner Bahnhofkameras zum Anlass, um eine republikumgreifende Videoüberwachung zur allgemeinen Sicherheit einzufordern. Was den Herren Schäubele und Beckstein (u.a.) schon lange auf der Seele brennt, kann jetzt endlich wieder offiziell zum Thema werden.
Aber denken wir zur Abwechslung mal kurz nach. Mehrere Milliarden würde eine umfassende Videoüberwachungsinstallation kosten. Hinzu kommen zum Betreiben, Sammeln und Archivieren des Videomaterials weitere Milliarden Jahr für Jahr. Und für was? Um Verbrechen schneller aufzuklären. Wohlgemerkt aufklären, nicht verhindern. Denn das kann eine Kamera halt nun nicht. Oder zumindest hätte ich bisher von keiner gehört, die on-the-fly auch Bomben entschärfen könnte. Eine ganz schön teure Angelegenheit, um unserer Polizei die Arbeit zu erleichtern…
Aber dank unserer allgemeinen Angst- und Panik-Euphorie läßt man schon mal die Verhältnismässigkeit einer solchen Aktion gerne ausser Acht. Wieviele Terrorakte gab es die letzten 20 Jahre in Deutschland? Eben, verdammt wenige. Und um einen Diebstahl oder Raubüberfall aufzuklären, wäre die Milliarden-Investition arg übertrieben. Zumal wir bisher die Aufweichung der Privatsphäre noch ganz ausser Acht gelassen haben. Diese wiederum ist und sollte jedem heilig sein.
Wenn die Privatsphäre fällt und das Individuum zum gläsernen Bürger degradiert wird, sind alle Bemühungen um eine Zivilisation vergebens gewesen. Ein Zusammenleben auf Vertrauensbasis und ein gemäßigt geregeltes Nebeneinander ist dann nur noch Makulatur, denn wenn jeder überwacht wird, ist dem Missbrauch dieser Macht Tür und Tor geöffnet. Die Stasi und die NSdAP lassen grüßen.
Und unweigerlich fügen sich die Herren Verfechter einer umfassenden Überwachung in ein ebensolches Umfeld ein. Denn warum will man denn unbedingt eine Überwachung, wenn die offensichtlichen Gründe sich so schnell in Hinsicht auf Kosten und Effizienz entkräften lassen? Also entweder sind die Herren dann einfach so dumm wie hundert Meter Rollrasen oder sie haben den Missbrauch schon von vorneherein im Hinterkopf. Aber dann gehören diese Leute sofort von ihren Positionen entfernt, denn wenn die Menschheit und die Deutschen eins nicht braucht, dann solche neue Lichtgestalten eines vierten (Überwachungs-)Reiches.
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21.08.2006 am 07:09
Das mit dem Geld sehe ich noch nicht mal soooo eng, obwohls natürlich überdurchschnittlich viel ist. Mir macht da eher die Privatspähre und der Datenschutz Sorgen, ich habe nunmal was dagegen, wenn ich auf der Straße permanent beobachtet werde, und dabei nicht weiss, wofür diese Aufnahmen wirklich genutzt werden.
Wie stehts mit der Sicherheit bei dem ganzen? Österreich hat ja erfolgreich gezeigt, dass sich deren Videoüberwachung mit geradezu lächerlicher Leichtigkeit mitschneiden lässt, was dann ja auch noch zu Tage brachte, dass die Herren Überwacher bei Langeweile auch mal in irgendwelche Wohnungen reinglotzen (siehe diese Meldung von Heise Security). Wenn das so aussehen soll, dann gute Nacht.
21.08.2006 am 12:25
Si, si. Jeriko, ich stimme Dir vollends zu.
Aber was mich ja noch viel mehr bewegt, ist die Frage nach dem Sinn des Ganzen.
Die fadenscheinige Begründung, um damit eine nicht erbringbare Sicherheit zu gewährleisten, ist m.E. einfach nur falsch. Damit wird kein Bürger auch nur eine Sekunde lang sicherer werden, aber steht dafür ca. 5 Stunden am Tag unter Videoüberwachung, womit sich seine Bewegung und sein Tun wunderbar dokumentieren läßt.
Die Privatsphäre ist heilig und schützenswert. Und wenn ich mir in unserem Grundgesetz den Art. 2 genauer anschaue, erkenne ich, dass das da auch drin steht. Hoffentlich denken die auch mal dran…